Rietberg (rdp). „Nur für greise Gelehrte? Dieser Philosoph ist 18“ – so lautete vor 25 Jahren – also genau am 8. Februar 2001 – die Überschrift im Rietberger Stadtanzeiger zur Qualifikation des Rietbergers Felix von Lehmden für die Philosophie-Olympiade in Philadelphia. Mit seinen Darlegungen zu einem Zitat von Arthur Schopenhauer belegte der Schüler des Gymnasium Nepomucenum damals beim Wettbewerb der „Ersten philosophischen Winterakademie“ den zweiten Platz und schaffte damit den Sprung zur Philosophie-Olympiade, von der er als Drittplatzierter unter weltweiter Konkurrenz zurückkehrte.
Aufgrund des Erfolgs gratulierte ihm damals nicht nur Bürgermeister André Kuper, sondern Felix von Lehmden durfte sich auch ins Goldene Buch der Stadt eintragen. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie aufgeregt ich in der Finalrunde in Münster war. Wir bekamen drei philosophische Zitate zur Auswahl, einen PC und vier Stunden Zeit, um ein Essay zu dem gewählten Zitat zu verfassen. Dieses sehr offene Aufgabenformat in Kombination mit dem Zeitdruck hat mir damals gehörigen Respekt eingeflößt, mich aber auch motiviert mitzumachen“, erinnert sich Felix von Lehmden im Gespräch mit dem RSA.
Im Gedächtnis ist ihm auch eine amüsante Episode mit seinem Sitznachbarn in Münster geblieben: Er hatte den Kopf für über 60 Minuten in seinen Händen vergraben und vor ihm auf dem Bildschirm formten riesige Buchstaben den Satz „Muße, küsse mich!!“. „Als dann klar war, dass ich in die USA zur Olympiade fliegen darf, war ich sehr überrascht und glücklich. Der Trip und auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt sind mir noch in guter Erinnerung“
Der ebenso anspruchsvolle wie interessante Philosophieunterricht am Nepomucenum hat nicht nur den Grundstein für sein Interesse gelegt, sondern ihn auch ermutigt, sich am Wettbewerb zu beteiligen. „Im Philosophieunterricht von Herrn Hundt fand ich den Umstand, dass ein- und dieselbe Fragestellung grundlegend unterschiedlich beantwortet und jeweils mit guten Argumenten begründet werden kann, besonders reizvoll. Das habe ich damals tatsächlich als ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den meisten anderen Fächern empfunden.“
Zum Zeitpunkt der Teilnahme an der Finalrunde in Münster hatte Felix von Lehmden erst ein Jahr Philosophieunterricht hinter sich – entsprechend kannte er sich nicht gleich gut mit allen drei zur Wahl stehenden Autoren aus. „An Schopenhauer und seine grundlegende Skepsis gegenüber dem Menschen konnte ich mich noch erinnern, weil ich auch im Unterricht nicht allen seinen Thesen zustimmen konnte.“
Die Erfahrungen aus den Wettbewerben haben den Rietberger dazu bewogen, Philosophie in Marburg zu studieren. Da ihn Naturwissenschaften ebenfalls interessieren, entschied er sich für ein Lehramtsstudium und belegte als zweites Fach Chemie. Was macht der junge Philosoph von damals heute? Nach dem Referendariat in Gießen unterrichtet er seit 2010 als Lehrer für Ethik, Philosophie und Chemie am „Alten Kurfürstlichen Gymnasium“ in Bensheim an der Hessischen Bergstraße. Dort arbeitet er neben dem Unterricht noch bei der Ausgestaltung der gymnasialen Oberstufe mit.
Schon in jungen Jahren gehörten Basketball und Schach zu seinen Hobbies. Nachdem Felix von Lehmden mit dem Beginn des Studiums dem Schach zunächst den Rücken gekehrt hatte, um neben dem Studium weiter Basketball zu spielen (Teams: TSV Grünberg, VFB Gießen, VFL Bensheim), ist er seit 10 Jahren wieder beim Spiel der Könige aktiv. Von Lehmden betreut die Schach-AG an der Schule und begleitet die Schulmannschaften regelmäßig zu Wettkämpfen. Die Basketballschuhe hatte er 2017 mit der Geburt der beiden Töchter an den Nagel gehängt und verfolgt die BBL und NBA nur noch als interessierte Zuschauer.
Haben Philosophie und Basketball bzw. Schach Gemeinsamkeiten? „Sicherlich spielen Taktik und Strategie bei beiden Sportarten eine große Rolle. Auf den ersten Blick liegen die Gemeinsamkeiten jedoch nicht unmittelbar auf der Hand: Am Schachbrett sitzt man zunächst allein und muss auf niemanden Rücksicht nehmen, beim Basketball ist man stets auf das gelungene Zusammenspiel mit seinen Mitspielern angewiesen. Eine zentrale Gemeinsamkeit ist allerdings das Timing: Man muss sowohl am Brett als auch auf dem Feld ein gutes Gespür dafür entwickeln, wann der richtige Zeitpunkt zum Improvisieren gekommen ist, wann also das bewusste Abweichen vom erwarteten Pfad sinnvoll bzw. erfolgversprechend ist und wann nicht.“
Einen Bezug zu Rietberg gibt es weiterhin. Jedes Jahr fährt Felix von Lehmden drei oder vier Mal nach Rietberg, um seine Mutter zu besuchen. „Mit ihr und dem Haus, in dem ich die längste Zeit meiner Jugend verbracht habe, verbinde ich viele gute Erinnerungen. Natürlich habe ich zusammen mit meinen Töchtern auch schon den Rosenmontagsumzug in Rietberg besucht – die vielen unterschiedlichen Kostüme und Mottowagen haben die beiden schwer beeindruckt. Aktuell besuchen die beiden am liebsten den Riesenrutschturm auf dem Landesgartenschaugelände, wenn sie in Rietberg sind.“
Zum Abschluss stellt sich die Frage, gibt es ein Lebensmotto aus der Philosophie für philosophischen Olympiateilnehmer? „Ein Motto, das für alle Phasen des Lebens gleichermaßen passt, gibt es für mich eigentlich nicht. In Anbetracht der Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaft aktuell konfrontiert ist, gefällt mir die folgende Warnung von Hannah Arendt gut: „[D]er Versuch, der Pluralität Herr zu werden [ist], immer gleichbedeutend mit dem Versuch, die Öffentlichkeit überhaupt abzuschaffen.“
Fotos: RSA-Archiv



