Rietberg (ap). Wenn Aliya-Jolie Funk kurz vor einem Wettkampf auf ihren Einsatz wartet, gibt es einen festen Ablauf. Sie sucht den Blick ihrer Eltern auf der Tribüne. Und irgendwo in ihrer Sporttasche liegt eine kleine Plüschmaus. Erst dann richtet sich ihr Blick auf das Gerät. Von diesem Moment an zählt nur noch der Sport. Während viele Jugendliche nach der Schule Freunde treffen oder einfach abschalten, beginnt für Aliya-Jolie Funk erst der zweite Teil ihres Tages. Sechsmal in der Woche steht die 16-Jährige dreieinhalb Stunden in der Turnhalle. Ein Trainingspensum, das Disziplin, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen verlangt. Doch wer Aliya-Jolie begegnet, spürt schnell: Sie macht das nicht, weil sie muss – sondern weil Turnen ihre größte Leidenschaft ist.
Am letzten Juli-Wochenende stand für die junge Turnerin aus Rietberg einer der wichtigsten Höhepunkte der Saison an. Bei den Deutschen Meisterschaften im Rahmen der „Finals“ in Hannover maß sie sich erstmals mit den besten Turnerinnen Deutschlands. Nach zwei Geräten lag die 16-Jährige sogar auf einem starken vierten Platz. Zwar fiel sie im weiteren Wettkampf noch auf Rang zwölf zurück, dennoch gelang ihr damit bei ihrer Premiere auf nationaler Meisterschaftsebene ein beachtliches Ergebnis.
Dass Aliya-Jolie Funk einmal zu den vielversprechendsten Nachwuchstalenten des deutschen Turnens gehören würde, ahnte in der Familie ausgerechnet ihre Großmutter zuerst. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Mutter Melanie Funk, die selbst viele Jahre erfolgreich für den TV Lipperode turnte: „Meine Schwiegermutter hat es als Erste gewusst. Sie hat unsere Tochter immer ganz genau beobachtet. Zum Beispiel wie sie schon als Kleinkind lieber auf Bordsteinkanten balancierte, als einfach über den Gehweg zu laufen. Sie hat damals schon gesagt: Die tritt einmal in deine Fußstapfen.“ Und ergänzt: „Ich war gut – aber lange nicht so gut. Meine Tochter hat deutlich mehr Talent und ganz andere Möglichkeiten.“
Aliya-Jolie selbst kennt eigentlich nur einen Sport. Seit ihrem fünften Lebensjahr turnt sie für den TV Lipperode. Bereits seit acht Jahren fährt sie mehrmals pro Woche nach Detmold, wo sie im Detmolder Turn- und Leistungszentrum unter professionellen Bedingungen trainiert. Andere Sportarten? Nie ein Thema. „Es war eigentlich schon immer Turnen“, erzählt die 16-Jährige. Wann aus der kindlichen Begeisterung echter Leistungssport wurde, weiß sie noch ganz genau. „Mit sieben Jahren habe ich bei den Westfälischen Meisterschaften teilgenommen“, erzählt sie. Ihre Augen beginnen zu leuchten. „Das war ein richtig krasser Moment.“ Nicht nur Aliya-Jolie, auch ihre Eltern merkten, dass ihr Weg sie vielleicht einmal weit über die heimischen Sporthallen hinausführen könnte.
Seitdem ging es Schritt für Schritt nach oben. Bereits seit vier Jahren gehört sie dem Juniorinnen-Nationalteam des Deutschen Turner-Bundes an. Seit drei Jahren startet die junge Turnerin zudem für Hannover in der 1. Bundesliga. 2022 folgte ihr erster internationaler Wettkampf. Im vergangenen Jahr durfte sie Deutschland beim European Youth Olympic Festival vertreten – zunächst nur als Ersatzturnerin. Doch dann rückte sie kurzfristig ins Team auf und nutzte ihre Chance eindrucksvoll. Mit einer persönlichen Bestleistung trug sie maßgeblich zum vierten Platz der deutschen Mannschaft bei. Im Einzelmehrkampf belegte sie als beste deutsche Turnerin Rang acht. In diesem Jahr startete sie erstmals für das Senioren-Nationalteam – ein weiterer Meilenstein ihrer Karriere.
Dabei gibt es für sie gar kein Lieblingsgerät – zumindest fast nicht. „Ich mag eigentlich alle Disziplinen“, sagt sie und lächelt. „Aber den Sprung mag ich besonders gern.“ So viel Training mit Schule und Alltag zu vereinbaren, wäre ohne die Unterstützung ihrer Eltern kaum möglich. Ebenso wichtig ist die gute Zusammenarbeit mit ihrer Schule. Anders ließe sich Leistungssport auf diesem Niveau kaum organisieren. Wenn sie einmal nicht in der Turnhalle steht, genießt Aliya-Jolie die Zeit mit ihren Freunden oder ihrer Familie. Gerade ihre Eltern geben ihr den Rückhalt, den sie im Leistungssport braucht. Sie versuchen, ihre Tochter zu jedem Wettkampf zu begleiten – denn zu wissen, dass sie auf der Tribüne sitzen, gibt der 16-Jährigen Sicherheit.
Vor jedem Wettkampf gibt es diesen einen kurzen Moment: Aliya-Jolie sucht den Blickkontakt zu ihren Eltern. Dann weiß sie, dass sie nicht allein ist. „Ein bisschen Aufregung gehört immer dazu“, sagt sie. Doch die Gewissheit, dass ihre Eltern da sind, schenkt ihr Ruhe, Kraft und Selbstvertrauen. Und noch jemand ist bei jedem Wettkampf dabei – wenn auch ganz unauffällig. Seit ihrer Geburt begleitet sie eine kleine Plüschmaus, ein Geschenk ihrer Patentante. Sie reist zu jedem Wettkampf mit und ist für Aliya-Jolie längst mehr als nur ein Kuscheltier – sie ist persönlicher Glücksbringer und ein Stück Zuhause, das bei keinem Turnier fehlen darf.
Besonders liebt sie die Atmosphäre großer Wettkämpfe. Wenn die Hallen gefüllt sind und das Publikum jede gelungene Übung mit Applaus belohnt, genießt sie diese besondere Stimmung. „Es ist etwas ganz Besonderes, vor so vielen Menschen turnen zu dürfen.“ Nach den Sommerferien beginnt für die 16-Jährige das nächste große Kapitel. Sie wechselt an den Bundesstützpunkt und das Sportinternat in Chemnitz – einen der bedeutendsten Turnstandorte Deutschlands. Dort wird sie künftig zweimal täglich trainieren und optimale Bedingungen für ihre weitere sportliche Entwicklung vorfinden. Trotz des leistungssportlichen Weges steht für sie fest: Auch das Abitur möchte sie machen.
Ihr großes Ziel ist klar formuliert: Olympia 2028. Dass der Weg dorthin lang ist, weiß sie. Deshalb denkt sie nicht nur an den ganz großen Traum, sondern arbeitet sich mit vielen kleinen Etappen voran. „Motiviert bleiben und immer an seine Träume glauben“, gibt sie jungen Turnerinnen und Turnern mit auf den Weg. Ihr selbst helfe es, sich immer wieder kleine Ziele zu setzen, die sie schon im nächsten Training erreichen könne. Ein Vorbild hat sie dabei schon seit Jahren: Simone Biles – die erfolgreichste und prägendste Turnerin weltweit.
Ob der Traum von den Olympischen Spielen Wirklichkeit wird, kann heute noch niemand sagen. Doch wer Aliya-Jolie Funk erlebt, spürt schnell: Hier wächst nicht nur eine außergewöhnlich talentierte Turnerin heran, sondern auch eine junge Frau, die mit Disziplin, Zielstrebigkeit und großer Leidenschaft ihre sportliche Zukunft gestaltet. Ein Weg, der sie vielleicht tatsächlich bis auf die größte Bühne des Sports führen wird.
Fotos (3): Norman Seibert





